P. Noelke – N. Hanel – P. Pauly, Die Antiken der Grafen von Manderscheid-Blankenheim. Kontext, Schicksal und Kommentierung einer rheinischen Sammlung der Zeit des Humanismus (Onlinekatalog).

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Ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördertes interdisziplinäres Projekt hat die Geschichte einer der wichtigen Sammlungen von römischen antiquitates im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation aus dem Zeitalter des Humanismus klären lassen. Durch die Auswertung insbesondere frühneuzeitlicher neulateinischer, erstmals veröffentlichter Quellen gelang es, einen kritischen Katalog ihrer Steindenkmäler und deren wechselvolles Schicksal bis hin zum Verbleib der restlichen Stücke in rheinischen Museen zu erarbeiten.

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Die von Graf Hermann von Manderscheid-Blankenheim (1535–1604) in den 1580er und 1590er Jahren begründete und auf seinem Stammsitz Burg Blankenheim (Eifel) (Abb. 1) präsentierte Kollektion von mehr als 80 römischen Steindenkmälern aus den Provinzen Germania Inferior und Superior sowie aus dem Treverergebiet zusammen mit einem kleineren Komplex nachantiker Skulpturen sowie einer Sammlung antiker Münzen und Kleinfunde besaß bis in das 18. Jahrhundert hinein den umfangreichsten Bestand an Römersteinen im Rheinland und weit darüber hinaus. Die heute zu ¾ verloren gegangene Steindenkmälersammlung lässt sich vor allem mittels dreier handschriftlicher Quellen rekonstruieren: Die von dem Kölner Jesuiten und Kirchen-Historiographen Hermann Crombach ca. 1643 verfasste unvollständig gebliebene Beschreibung, Descriptio, der Blankenheimer Denkmäler mit Abschriften der Inschriften, Skizzen der Römersteine und Kommentaren (Abb. 2) sowie die im Auftrage des Kanonikers und Historiographen des Kölner Erzstiftes Aegidius Gelenius angefertigte Beschreibung. Diese Descriptio wurde von dem Chorherrn Lambert Rudolf der nahegelegenen Abtei der Prämonstratenser in Steinfeld 1643 verfasst. Etwa 100 Jahre jünger ist eine weitere unpublizierte Quelle, die im Auftrage des Prager Erzbischofs Johann Moritz Gustav Graf von Manderscheid-Blankenheim durch den Historiographen Johann Friedrich Schannat verfasste beschreibende wie zeichnerische Dokumentation Eiflia Illustrata (vor 1739). Die genannten Archivalien sind im Besitz des Historischen Archivs der Stadt Köln.

Abb. 1: Luftbild von Burg Blankenheim 2015
(Dr. Baoquan Song, Bochum).

Die Mehrzahl der Steindenkmäler in der Blankenheimer Sammlung stammt – soweit bekannt – aus einem Gebiet, das sich von der Mosel bis etwa auf die Linie Köln – Jülich im Norden erstreckt; allerdings sind von zahlreichen Denkmälern die Provenienzen nicht überliefert. Die bekannten Fundorte liegen sowohl im Herrschaftsgebiet der Manderscheid-Blankenheimer als auch im Herzogtum Jülich, im Erzbistum Köln und in der Freien Reichsstadt Köln. Die an römischen Denkmälern so reiche Metropole Niedergermaniens war ein wichtiges Gebiet für Graf Hermanns Sammlungstätigkeit.


Mehrere Akquisitionen Kölner antiquitates gelangen ihm hier aufgrund verwandtschaftlicher und persönlicher Kontakte, darunter der sogenannte Alkestis-Sarkophag, der zu den bedeutendsten Zeugnissen römischer Grabkunst in Germanien zählt (Kat. 71, verloren, Abb. 3). Der Tod des zehnmaligen Kölner Bürgermeisters und Antikensammlers Konstantin von Lyskirchen 1581 eröffnete Graf Hermann die Möglichkeit, vier Kölner Römersteine aus dessen Sammlung zu erwerben. Hervorzuheben ist der monumentale Weihaltar für die Göttin Victoria (Abb. 4) aus dem Lager der classis Germanica (Kat. 46*, heute LVR-Landesmuseum Bonn).

Abb. 2: Auszug aus Crombach, Descriptio (1643) 10r:
Skizzen zu Kat. 17*, 55, 44, 35 und 25
(Historische Archiv der Stadt Köln, HAStK 7030, Best. 295 A).

Durch seine Mutter Margarethe Gräfin zu Wied hatte Hermann enge Beziehungen zum gräflichen Hause Wied. Z. B. wird er über einen Vetter den Grabstein des L. Stertinius, Veteran der legio I (Germanica), in seinen Besitz gebracht haben, der in nachantiker Zeit aus dem Bonner Raum ins Rechtsrheinische verschleppt worden ist (Kat. 64, verloren).

Im Herbst 1592 fragte Graf Hermann bei Anna Walburga von Neuenahr, Gräfin von Moers, in der Hoffnung an, von der entfernten Verwandten antiquitates aus dem Besitz ihrer Familie zu erwerben. Der Brief enthält im Kern die Sammlungsintentionen des Blankenheimers: „Ich dem zue allerhandt Antiquiteten und Altfrenkischen Sachen besondere Lust und Affektio trage“.

Nicht zu unterschätzen für Hermanns Erwerbungsstrategien sind die Kontakte, die er zu einzelnen humanistisch geprägten Persönlichkeiten des Rheinlandes aufbaute. Dazu gehörte Dr. Iacobus Campius, seit 1574 Kanoniker am Bonner Stift St. Cassius und Florentius, 1576–1590 dessen Dekan. Durch dessen Vermittlung konnte der Blankenheimer zumindest einen Römerstein erwerben, den Altar, der zum Wiederaufbau des Bonner Heiligtums des Mars Militaris gesetzt wurde (Kat. 23*, LVR-Landesmuseum Bonn).

Abb. 3: Sarkophag mit Mahlszene
und mythologischen Darstellungen,
sogenannter Alkestis-Sarkophag, im Haus eines Kanonikers von St. Gereon in Köln,
heute verschollen. Abbildung nach Mercator-Plan von Köln 1571(National Library of
Sweden,KoB DelaG Stö.f. 151).

Aus der uns bekannten Überlieferung ergeben sich keine Anhaltspunkte, nach welchen Kriterien Hermann die Steindenkmäler sammelte und im Bereich der Burgmauer bzw. des Burggartens von Blankenheim aufstellen ließ. Gemäß den Beschreibungen von Crombach und Lambert Rudolf waren 47 Römersteine in neun pilasterartigen Reihen, columnae genannt, an oder eingefügt in der Burgmauer präsentiert, wobei zwei bis sechs antiquitates übereinander gesetzt waren. 27 Steindenkmäler fanden im Burggarten Aufstellung, verteilt auf dessen vier ansteigende Terrassen – ambulacra.

Graf Hermann schuf damit einen Antikengarten, wie er in Italien seit dem 16. Jahrhundert in Mode war. Ansporn zur Formierung und Präsentation seiner Römerstein-Sammlung dürften Hermann besonders die Aktivitäten des Gouverneurs des Herzogtums Luxemburg in den Spanischen Niederlanden Graf Peter Ernst von Mansfeld (1517–1604) gewesen sein. Seit den 1560er Jahren trug dieser eine auch archäologisch bedeutende Sammlung von römischen Grab- und Weihesteinen aus seinem Herrschaftsgebiet in der Gallia Belgica zusammen, die er in Gärten und Höfen seines Schloss-Neubaues „La Fontaine“ in Clausen, Luxemburg präsentierte.

Mit seinem primär auf epigraphische Zeugnisse (ca. 66% des Bestandes) ausgerichteten Interesse stand Hermann in humanistischer Sammlertradition, wie sie im Heiligen Römischen Reich für das Bürgertum der Augsburger Stadtschreiber Conrad Peutinger im frühen 16. Jahrhundert in Augsburg begründet hatte. Für Herrscher und Aristokraten wurde Kaiser Maximilian I. zum Vorbild, der u. a. im Jahr 1506 römische Grabsteine aus der Provinz Noricum in eine Mauer seiner Residenz, der Grazer Burg, einfügen ließ.

Graf Hermann hat den Aufbau seiner Antikensammlungen einschließlich der Kollektionen der Münzen und Kleinfunde gewiss im Geiste eines humanistisch geprägten Bildungshabitus betrieben. Ohne Zweifel ging es ihm jedoch auch darum, mittels der Römerstein-Sammlung und des Münzkabinetts seine aristokratische Virtus zur Schau zu stellen und seinen und seiner Familie Anspruch auf ein durch sie begründetes herausragendes kulturelles Prestige in der Adelswelt des Sacrum Imperium zu demonstrieren.

Als Schannat in den 1730er Jahren im Auftrage des Manderscheiders auf dem Prager erzbischöflichen Stuhl seine Eiflia Illustrata verfasste, konnte er nur noch 49 Steindenkmäler in Blankenheim dokumentieren, also fast die Hälfte weniger als Lambert Rudolf 1643 verzeichnet hatte. Es ist davon auszugehen, dass in der Zwischenzeit zumindest ein Teil der Steindenkmäler bei Kriegshandlungen zerstört worden ist, wozu jedoch keine archivalischen Quellen aufgefunden werden konnten.

Abb. 4: Weihaltar für Victoria (Kat. Nr. 46*).
Foto: J. Vogel.

Aus der Korrespondenz des letzten Blankenheimer Erbgrafen Franz Joseph von Sternberg-Manderscheid konnte erschlossen werden, dass dieser 23 verbliebene Römersteine um 1785, kurz vor der Annexion des linken Rheinufers durch das revolutionäre Frankreich (1794), in einem eigens errichteten Tempel im Burggarten präsentieren ließ, wobei er sich von der zeitgenössischen europäischen Mode der Garten- und Antikentempel leiten ließ.

In der Annahme der Besetzung des linken Rheinufers durch französische Truppen hatte die regierende Gräfin Augusta von Manderscheid-Blankenheim die Burg-Residenz teilweise räumen lassen. Die schwer zu transportierenden Steindenkmäler wurden verständlicherweise am Ort belassen. Mit dem Friedensschluss von Lunéville zwischen dem Heiligen Römischen Reich und Frankreich (1801), spätestens mit dem Reichsdeputationshauptschluss von 1803 bestand für die Gräfin Augusta und ihren Sohn und Erben Franz Joseph Gewissheit darüber, dass ihre Territorien in der Eifel verloren waren. Die Frage des Verbleibs der restlichen Römersteine musste sich in dem Moment stellen, als die französische Verwaltung plante, das Nationalgut Blankenheimer Burg zu verkaufen und zur Auktion zu stellen. Mit Schreiben vom 26. Februar und 4. Juli 1803 aus Prag übertrug Franz Joseph die Rechte an den „römischen Inschriften“ auf seinen früheren Lehrer, den Kölner Universitätsprofessor und Sammler Ferdinand Franz Wallraf (1748–1824). Gesichert ist, dass diesen nur zwölf Steine aus dem Blankenheimer Restbestand erreichten (Kat. 18*, 21*, 23*, 33*, 38*, 51*, 56*, 57*, 65*, 66*, 70*, 74*, heute Römisch-Germanisches Museum Köln und LVR-Landesmuseum Bonn). Einige Römersteine verblieben mangels Geld für den Abtransport bis mindestens 1807 in Blankenheim. Wallraf vertraute ihre Überführung dem ihm befreundeten Kölner Canonicus und Kunstsammler Franz Pick (1750–1819), der seit der Auflösung der Stifte wieder in seiner Geburtsstadt Bonn ansässig war. Es konnte ermittelt werden, dass Pick mindestens sieben oder acht Römersteine aus der Blankenheimer Burg in seine Bonner Sammlung verbringen ließ (Kat. 3*, 4*, 5*, 11*?, 46*, 47*, 73*, heute LVR-Landesmuseum Bonn, Rheinisches Landesmuseum Trier).

Durch den Gründungsdirektor des Museums Rheinisch-Westfälischer Alterthümer in Bonn (heute: LVR-Landesmuseum Bonn), Wilhelm Dorow, wurden sie 1819 für dieses erworben.

Einen ersten Hinweis, dass Bewohner Blankenheims nach dem Ende der gräflichen Herrschaft, in der ‚Franzosenzeit‘, Steindenkmäler der Sammlung an sich gebracht und für ihre Zwecke wiederverwendet hatten, lieferte um 1883 die Wiederentdeckung eines Weihaltares, verbaut in den Fundamenten eines Blankenheimer Hauses (Kat. 17*). Dieser Altar für Iuppiter Optimus Maximus und alle anderen Götter und Göttinnen aus dem Kastell Deutz konnte vom Direktor des Bonner Provinzialmuseums Josef Klein erworben werden (weitere Wiederentdeckungen Kat. 14*, 26*, im LVR-Landesmuseum Bonn).

Eine neuzeitliche Replik des Jugendporträts des Prinzen Marcus Aurelius, die laut Pick zur Blankenheimer Sammlung gehört haben soll, wurde bei der Auktion der Sammlung (1819) von der neu gegründeten Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn für ihr Akademisches Kunstmuseums angekauft (Kat. 87*). Zwei von Pick erworbene Granitsäulen der Blankenheimer Antikensammlung stehen seit dem Abriss des von Pick bewohnten Hauses (um 1899) auf dem Alten Friedhof der Stadt Bonn.

2014 richtete das Blankenheimer „Eifelmuseum“ mit Fragmenten zweier Grabsteine (Kat. 57*, 70*) und mit zwei Matronenaltären (Kat. 33*, 38*) aus der gräflichen Kollektion, Leihgaben des Römisch-Germanischen Museums Köln und des LVR-Landesmuseums Bonn, eine Dokumentation zur lokalen römischen Geschichte wie zur gräflichen Antikensammlung ein.